ISO in der Fotografie: Technik, Zusammenhänge und kreative Kontrolle
Die ISO-Empfindlichkeit ist ein zentrales Element der Fotografie, das nicht nur technische Kenntnisse, sondern auch kreatives Gespür verlangt. In diesem Artikel werfen wir einen umfassenden Blick auf das Thema ISO, mit besonderem Fokus auf hohe ISO-Werte, deren Zusammenspiel mit der Blende, die Fortschritte moderner Kameratechnik und auf Techniken zur Minderung des Bildrauschens.
Hand aufs Herz: Gehörst du auch zu den Fotografen, die Schweißausbrüche bekommen, sobald die ISO-Zahl vierstellig wird? Jahrelang wurde uns gesagt: „Halt den ISO so niedrig wie möglich, sonst ruinierst du dein Bild!“. Ich habe das auch immer wieder gesagt.
Ich sage dir heute: Vergiss es. In der Welt der modernen Sensoren (wir schreiben immerhin das Jahr 2026!) ist das Rauschen bei ISO 3200 oder sogar 6400 oft nur noch ein Hauch von Struktur, den man mit einem Klick in der Nachbearbeitung verschwinden lässt. Viel schlimmer als ein bisschen „Korn“ ist ein verwackeltes Bild, weil deine Verschlusszeit zu lang war.
Aber es gibt noch einen viel besseren Grund, warum du entspannter mit deinen Einstellungen umgehen kannst: Die Magie der ISO-Invarianz.
Der „Magic Trick“: Warum der ISO-Wert manchmal völlig egal ist
Vielleicht hast du schon mal davon gehört, dass viele moderne Sensoren (vor allem von Sony, Nikon oder Fuji) faktisch „ISO-invariant“ sind. Klingt nach komplizierter Physik, ist für deine Praxis aber ein totaler Gamechanger.
Was bedeutet das konkret? Stell dir vor, du fotografierst eine dunkle Szene. Du hast zwei Möglichkeiten:
- Du stellst ISO 3200 direkt an der Kamera ein. Das Bild sieht auf dem Display hell und fertig aus.
- Du bleibst bei ISO 100, das Bild sieht auf dem Display fast schwarz aus, aber du ziehst die Belichtung später in Lightroom oder Capture One um 5 Blendenstufen hoch.
Der Witz ist: Bei einem ISO-invarianten Sensor ist das Ergebnis (was das Rauschen angeht) am Ende praktisch identisch.
Beispiel: beide Aufnahmen haben nach der Bearbeitung das gleiche Histogramm. Beide Bilder wurden bei wenig Licht mit Blende 5.4 und 1/20 sek. belichtet. Das ISO 100 Bild wurde in Lightroom mit +5 Stufen heller belichtet. Der Unterschied ist (ohne nachträgliche Entrauschung) schon kaum zu sehen.
Der Sensor verstärkt das Signal heute so sauber, dass es fast egal ist, ob die Verstärkung in der Kamera (durch den ISO-Wert) oder nachher am Computer passiert.
Warum solltest du das wissen? Weil es dir Sicherheit gibt! Wenn du in einer Situation bist, in der du die Lichter (zum Beispiel helle Fenster oder Lampen) vor dem Ausbrennen retten willst, kannst du den ISO-Wert bewusst niedriger lassen, das Bild „unterbelichten“ und die Schatten später hochziehen, ohne dass dein Bild in Pixelmatsch zerfällt. Andererseits kannst du bei wenig Licht mit viel ISO deine Verschlußzeit behalten und in der Nachbearbeitung das Rauschen mindern – sofern es überhaupt spürbar ist.
Was ist ISO eigentlich?
Ein kurzer Zeitsprung
Die Filme analoger Kameras haben eine Körnung (ISO/ASA so die Bezeichnung der Filme) zwischen 50 und 3200, die je nach vorhandenen Lichtverhältnissen gewählt wurden. ISO wurde also nicht an der Kamera, sondern am Film „eingestellt“. ISO stand damals für die Lichtempfindlichkeit des Filmes.
ISO 50 – 100/21 : Ideal für strahlenden Sonnenschein, Landschaftsaufnahmen, sehr feinkörnig.
ISO 200/24: Guter Allrounder für Tageslicht und leicht bewölktes Wetter
ISO 400/27: Vielseitiger Film für wechselnde Lichtverhältnisse, Innenräume und bewölkten Himmel
ISO 800/30 – 3200: Geeignet für Schwachlicht, Innenräume, Dämmerung oder schnelle Bewegungen (höheres Korn)

Heute steht ISO für die Lichtempfindlichkeit des Kamerasensors und wird an der Kamera eingestellt. Ein niedriger ISO-Wert (z. B. ISO 100) bedeutet geringe Empfindlichkeit und damit weniger Bildrauschen (Korn), während ein hoher ISO-Wert (z. B. ISO 6400) eine stärkere Empfindlichkeit darstellt, die auch bei wenig Licht gute Belichtung erlaubt – allerdings manchmal auf Kosten der Bildqualität. Schau einfach noch einmal in den Artikel zum Belichtungsdreieck rein, dieses Wissen brauchst du jetzt.
ISO lässt sich, ebenso wie Blende und Verschlusszeit, in sogenannten Lichtwerten (EV) oder „Stops“ denken. Eine Verdopplung des ISO-Wertes entspricht einer vollen Blendenstufe. Das bedeutet konkret:
- ISO 100 → ISO 200 = +1 Stop
- ISO 200 → ISO 400 = +1 Stop
- ISO 400 → ISO 800 = +1 Stop
- ISO 100 -> ISO 800 = +3 Stops
Das bedeutet: Wenn du z. B. von Blende f/4 auf f/5.6 wechselst (also eine Blendenstufe weniger Licht zulässt), kannst du statt dessen den ISO-Wert von 100 auf 200 erhöhen, um den gleichen Helligkeitseindruck im Bild zu erhalten. Genauso funktioniert es auch mit der Verschlusszeit: Wird sie halbiert (z. B. von 1/60s auf 1/125s), kannst du die ISO verdoppeln, um die Belichtung zu kompensieren.
Dieses Wissen macht es möglich, kreativ mit dem Belichtungsdreieck zu arbeiten und gezielt Prioritäten zu setzen – zum Beispiel für Schärfentiefe (Blende), Bewegungsdarstellung (Verschlusszeit) oder Bildrauschen (ISO).
Moderne Kameras und hohe ISO-Werte
Früher galten ISO-Werte über 800 als kritisch, da Bildrauschen stark sichtbar wurde. Moderne Sensoren sind jedoch deutlich rauschärmer und erlauben ISO-Werte bis 6400 oder höher mit erstaunlich guter Bildqualität. Vollformat-Sensoren schneiden hier besonders gut ab, aber auch APS-C- und MFT-Sensoren haben deutliche Fortschritte gemacht.
Viele aktuelle Kameras nutzen Technologien wie:
- Backside-Illuminated (BSI) Sensoren (Rückseitig beleuchtete Sensoren)
- Dual-Gain-Technologie
- ISO-Invarianz, die flexible Nachbearbeitung ohne Qualitätsverlust ermöglicht
Diese Entwicklungen machen Fotografieren bei wenig Licht einfacher denn je und geben mehr Spielraum für kreative Entscheidungen.
Ab wann ist eine Kamera „modern“?
Ein moderner Sensor zeichnet sich dadurch aus, dass er das analoge Signal sehr früh (direkt auf dem Chip) in digitale Daten umwandelt. Dadurch wird verhindert, dass auf dem Weg zum Prozessor zusätzliches Rauschen („Ausleserauschen“) entsteht.
In der Praxis heißt das: Wenn du ein unterbelichtetes RAW-Bild am Rechner aufhellst, kommen Details zum Vorschein, statt nur bunter Pixelmatsch.
Wer kann’s? Die Invarianz-Checkliste. Nicht vollständig.
| Marke | Status zur ISO-Invarianz | Modelle (Beispiele) |
| Sony | Pionier. Fast alle Kameras seit 2014 sind hervorragend invariant. | Alpha 7 III, 7 IV, 7R II bis 7R V, Alpha 6000er Serie, ZV-E10. |
| Nikon | Spitzenklasse. Da Nikon oft Sony-Sensoren nutzt, sind sie seit der D750/D810 ganz vorne dabei. | Z6, Z7, Z8, Z9, D850, D750, D500, Z50. |
| Fujifilm | Sehr gut. Fast alle X-Trans Sensoren verhalten sich sehr invariant. | X-T2, X-T3, X-T4, X-T5, X-H2, X-Pro2/3, X100V/VI. |
| Canon | Spätzünder. Ältere DSLRs (vor 2016) waren schlecht darin. Moderne spiegellose Modelle sind top. | Top: EOS R5, R6 (II), R3, R7, R8, 5D Mark IV, 80D, 90D. Eher nicht: 5D II/III, 6D, 60D, 700D. |
Tipp: Wenn du eine Kamera aus den letzten 5–6 Jahren besitzt, ist die Wahrscheinlichkeit extrem hoch, dass du dir um ISO-Werte bis 3200 oder sogar 6400 kaum noch Gedanken machen musst. Wie du das für deine Kamera herausfindest erfährst du weiter unten.
Ein wichtiger Hinweis: Dual-Gain (Das „Aber“)
Viele moderne Kameras (fast alle Sonys und Fujis) haben einen sogenannten Dual-Gain-Sensor. Das bedeutet, sie haben zwei Sweet Spots (Punkte, an denen die Rauschverbesserung eintritt).
- Meistens bei ISO 100 (für maximalen Dynamikumfang).
- Und einen zweiten Sprung bei ca. ISO 400 oder 640.
An diesem zweiten Punkt schaltet die Kamera intern auf einen anderen Modus um, der das Rauschen schlagartig verbessert. Wenn ISO 100 bei dem Licht also nicht reicht, spring direkt auf 640 – das ist oft sauberer als ISO 400!
Warum „Korn“ dein Freund ist, aber Unschärfe dein Feind
Lieber Rauschen als Verwackeln
Jetzt mal Butter bei die Fische: Was ist das Schlimmste, das deinem Foto passieren kann? Viele Anfänger antworten: „Dass es rauscht!“ Das wäre früher manchmal auch meine Antwort gewesen. Ist heute aber falsch. Das Schlimmste ist ein unscharfes Bild.
Stell dir vor, du fotografierst auf einer Hochzeit in der Kirche oder bei einem Konzert. Es ist dunkel. Wenn du dich krampfhaft weigerst, ISO hochzuschrauben, zwingst du deine Kamera zu einer längeren Verschlusszeit. Das Ergebnis? Ein „sauberes“, rauschfreies Bild, auf dem die Gesichter deiner Freunde aber wie weichgezeichnete Matschepampe aussehen, weil sie sich bewegt haben.
Merke dir diese „goldene“ Regel:
- Bildrauschen kannst du heute mit Software (Lightroom, Topaz, DxO) fast restlos entfernen, ohne dass das Bild unnatürlich wirkt.
- Bewegungsunschärfe oder ein Fehlfokus durch zu wenig Licht kriegt kein Algorithmus der Welt jemals wieder scharf.
Ein verrauschtes Bild hat Charakter, es wirkt oft sogar wie ein klassischer Film-Look. Ein verwackeltes Bild hingegen wandert direkt in den Papierkorb. Also: Hab keine Angst vor ISO 3200, 6400 oder sogar 12800, wenn es die Situation erfordert. Trau dich!
Wir leben in der goldenen Ära der Sensortechnik. Die Zeiten, in denen man bei ISO 800 Angst um seine Bildqualität haben musste, sind seit über einem Jahrzehnt vorbei. Dank ISO-Invarianz und KI-gestützter Rauschunterdrückung haben wir Freiheiten, von denen Fotografen vor 20 Jahren nur träumen konnten.
Meine Hausaufgabe für dich: Geh heute Abend mal in ein dunkles Zimmer oder raus auf die Straße und mach absichtlich Fotos mit ISO 6400. Schau sie dir am Rechner an und zieh die Regler in der Bearbeitung hoch. Du wirst überrascht sein, wie viele Informationen noch in den Dateien stecken.
Sweetspots einiger Kameras
| Hersteller | Modell-Reihe | 1. Basis-ISO | 2. Umschaltpunkt (Sprung) |
| Sony | Alpha 7 V (Neu!) | 100 | 400 (Video S-Log3: 800 / 8000) |
| Alpha 7 IV, 7C II | 100 | 400 | |
| Alpha 7R IV, 7R V | 100 | 320 | |
| Alpha 1, Alpha 9 III | 100 | 500 | |
| Nikon | Z6 II, Z6 III | 100 | 800 |
| Z7 II, Z8, Z9 | 64 | 400 / 500 | |
| Fujifilm | X-T5, X-H2 (40MP) | 125 | 500 |
| X-T3, X-T4, X100V | 160 | 640 | |
| Canon | EOS R5, R6 II | 100 | 400 |
Workshop: So findest du den „zweiten Gang“ deiner Kamera
Du hast ein Modell, das nicht in der Liste oben steht? Kein Problem! Du kannst den Umschaltpunkt deines Sensors ganz einfach selbst finden. Alles, was du brauchst, ist ein Stativ (oder eine feste Unterlage), ein dunkles Zimmer und fünf Minuten Zeit.
Die Vorbereitung:
- Stell deine Kamera auf ein Stativ.
- Wähle den Manuellen Modus (M) und fotografiere unbedingt in RAW.
- Such dir ein Motiv mit dunklen Bereichen und ein paar Details (z. B. ein Bücher-Regal in einem schwach beleuchteten Raum).
Der Test-Ablauf:
- Stell eine feste Blende und eine feste Verschlusszeit ein (wähle sie so, dass das Bild bei ISO 100 fast schwarz ist).
- Mach nun eine Serie von Fotos und erhöhe nur den ISO-Wert: ISO 100, 200, 400, 640, 800, 1600.
- Geh an deinen Rechner und öffne die Bilder in deinem RAW-Konverter (z. B. Lightroom).
- Jetzt kommt der Trick: Gleiche die Belichtung aller Bilder so an, dass sie am Monitor gleich hell aussehen. (Das ISO 100 Bild also um +4 Stufen hochziehen, das ISO 400 Bild nur um +1 etc.).
Die Auswertung: Zoom in die dunklen Schattenbereiche (100 % Ansicht). Du wirst sehen, dass das Rauschen erst stetig zunimmt. Aber an einem Punkt passiert es: Das Rauschen wird plötzlich wieder weniger oder das Bild wirkt deutlich klarer. * Wenn das Bild bei ISO 800 (hochgezogen) plötzlich sauberer aussieht als das bei ISO 640 (hochgezogen), dann hast du den Umschaltpunkt gefunden!
*Glückwunsch: Das ist der Wert, ab dem du in dunklen Situationen bedenkenlos Gas geben kannst.
Die Rettungswesten: Software, die ISO-Monster zähmt
Selbst wenn du es mit dem ISO mal übertrieben hast, ist das heute kein Grund für die Löschtaste. Wir leben im Zeitalter der KI-Entrauschung. Wo man früher nur die Wahl zwischen „Pixelmatsch“ oder „Farbrauschen“ hatte, zaubern moderne Tools heute Details zurück, die man mit bloßem Auge kaum noch gesehen hat.
Hier sind meine Empfehlungen für dich:
1. Adobe Lightroom (AI Denoise) (*affiliate Link)
Wenn du ohnehin das Adobe-Abo nutzt, hast du die Lösung schon an Bord.
- Der Clou: Seit den Updates in 2025 hat Lightroom eine „KI-Entrauschen“-Funktion (unter dem Reiter Entwickeln > Details).
- Vorteil: Sie ist extrem effektiv und du musst dein Programm nicht verlassen.
- Nachteil: Funktioniert nur mit RAW-Dateien und braucht einen ordentlichen Rechner.
2. DxO PureRAW 5 / PhotoLab
Für viele Profis aktuell die unangefochtene Nummer 1.
- Der Clou: Die Technologie heißt „DeepPRIME XD2“. Sie entrauscht das Bild nicht einfach nur, sondern berechnet es beim Demosaicing (dem Auslesen der Sensordaten) quasi neu.
- Vorteil: Unglaubliche Detailwiedergabe. Es wirkt oft so, als hättest du mit einer Kamera fotografiert, die zwei Klassen besser ist.
- Ideal für: Extremfälle bei ISO 12.800 und höher.
3. Topaz Photo AI
Der Allrounder für alles, was schiefgegangen ist.
- Der Clou: Topaz kombiniert Entrauschen, Nachschärfen und sogar das Hochskalieren in einem Schritt.
- Vorteil: Rettet auch JPEGs sehr gut (im Gegensatz zu DxO) und kann sogar leichte Bewegungsunschärfe korrigieren.
- Ideal für: Wenn das Bild nicht nur rauscht, sondern auch ein wenig „weich“ ist.
4. Die Geheimtipps: Aiarty & ON1 NoNoise
Wenn du kein Fan von Abos bist, schau dir den Aiarty Image Enhancer oder ON1 NoNoise AI an. Beide bieten oft Kauf-Lizenzen und liefern Ergebnisse auf Augenhöhe mit den großen Namen.
Tipp: Lade dir von allen Tools erst mal die Testversion herunter. Jede Kamera-Sensor-Kombination reagiert ein bisschen anders auf die Algorithmen.
Mein Fazit
Lerne den Sweetspot deiner Kamera für die ISO-Invarianz kennen – und arbeite damit! Die ISO-Invarianz gibt dir die Freiheit, auch bei schlechten Lichtverhältnissen eine passende Verschlusszeit auszuwählen, ohne Angst vor dem Rauschen haben zu müssen. Bildschärfe geht vor.
Bis zu welchem ISO-Wert hast du dich schon „gewagt“? Und konntest du die Ergebnisse verwenden? Schreib’s mir doch als Kommentar, freue mich darauf!




